2,9 Millionen britische Konsumenten erfinden ihre Produkte selbst

Zum ersten Mal liefert eine repräsentative Studie eine valide Schätzung über das Ausmaß der Innovationstätigkeit privater Haushalte. User Innovation ist demnach alles andere als ein Nischenphänomen.

 

Haben Sie während der letzten 3 Jahre ein Produkt erschaffen oder verändert, das Sie in ihrem täglichen Leben nutzen [...]? 2,9 Millionen Konsumenten im Vereinigten Königreich beantworteten diese Frage mit Ja. Die ökonomische Relevanz der Innovationstätigkeit privater Haushalte zeigt sich daran, dass der private Sektor mit 2,3 Mrd. Pfund mehr als doppelt so viel in Innovationen investiert wie die britische Konsumgüterindustrie. Diese beachtenswerten Ergebnisse der Studie lassen Zweifel an der Überzeugung aufkommen, das Unternehmen sei der einzige Ursprung von Innovationen, und werfen einige Fragen auf:

Wie unterscheiden sich Nutzerinnovationen qualitativ von Unternehmensinnovationen? Können Nutzerinnovationen etwa Unternehmensinnovationen ersetzen oder sogar verdrängen? Oder werden Nutzerinnovationen vielmehr von Unternehmen als rudimentärer Input absorbiert ohne die Nutzer dafür zu kompensieren?

Welche gesamtwirtschaftlichen Effekte ergeben sich, wenn der Staat die Innovationstätigkeit privater Haushalte anerkennt und entsprechend fördert?

Wie viele erfolgversprechende Nutzerinnovationen bleiben unbekannt? Welcher Verlust entsteht daraus, das zahlreiche Nutzerinnovationen unentdeckt bleiben, weil keine Informationen über sie verfügbar sind und sie nicht auf dem Markt gehandelt werden?

Wie können Unternehmen das Innovationspotential privater Haushalte nutzen? Woran liegt es, dass so wenig Nutzerinnovatoren Informationen über ihre Innovationen mit Unternehmen teilen? Welche Maßnahmen muss ein Unternehmen ergreifen, um einen systematischen Informationsaustausch mit Nutzerinnovatoren zu initiieren?

In Anbetracht der Ergebnisse lohnt es sich für Unternehmen das Innovationspotential privater Haushalte genauer zu betrachten. Von einem Informationstransfer über Nutzerinnovationen können Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen profitieren. Aber zunächst zu den wichtigsten Ergebnissen im einzelnen:

Die wissenschaftliche Studie über die konsumentengetriebene Entwicklung, Veränderung und Verbreitung von Konsumentenprodukten wurde von Eric von Hippel, Jeroen de Jong und Stephen Flowers durchgeführt und von der NESTA finanziell unterstützt. Die Erhebung der Ergebnisse fand vom Herbst 2009 bis zum Jahresanfang 2010 statt. Das Marktforschungsunternehmen BMG aus Birmingham befragte telefonisch eine repräsentative Stichprobe von 1.173 Individuen aus privaten Haushalten und ermitteltet unter ihnen 104 Nutzerinnovatoren.

Im Sinne der Studie liegt eine Nutzerinnovation vor, wenn ein Konsument entweder ein bestehendes Produkt für eigene Anwendungszwecke verändert oder für den eigenen Bedarf ein neues Produkt erschaffen hat. Von diesen Nutzerinnovationen sind solche ausgeschlossen, die im Rahmen einer beruflichen Tätigkeit entstanden sind. Ebenso wenig handelt es sich um eine Nutzerinnovation, wenn ein äquivalentes Produkt bereits verfügbar ist.

6,2% der Konsumenten – 2,9 Millionen Menschen – im Vereinigten Königreich sind Nutzerinnovatoren im Sinne der Studie. Diese Konsumenten modifizierten oder erschufen in den letzten drei Jahren im Durchschnitt acht Produkte. 4,2% der Konsumenten modifizieren ein Produkt, 1,4% erschaffen ein Produkt und 0,6% machen beides.

Durchschnittlich verwenden Konsumenten für eine Innovation 2 Personentage und investieren 5 Britische Pfund (Medianwerte). Hochgerechnet für den gesamten Sektor privater Haushalte ergibt sich eine Zeitinvestition von 179.000 Personenjahren und ein Investitionsbudget von 2,3 Milliarden Pfund pro Jahr. Das übersteigt das F&E Investitionsvolumen der britischen Konsumgüterindustrie um mehr als das Doppelte.

Die Wahrscheinlichkeit für eine Nutzerinnovation ist bei Konsumenten am höchsten, die männlich sind, über einen Universitätsabschluss und eine technische Ausbildung verfügen, entweder im Studentenalter oder älter als 55 Jahre sind und darüber hinaus keine Beschäftigung ausüben.

Am meisten motiviert der eigene Bedarf an der Innovation die Konsumenten (34%), gefolgt von der Freude an der Innovationstätigkeit an sich(32%), der damit verbundene Lernerfolg bzw. die Entwicklung neuer Fähigkeiten (19%) und dem Wunsch anderen mit der Innovation zu helfen (15%).

Einige demografische Merkmale korrelieren mit bestimmten Motiven: männliches Geschlecht und persönlicher Bedarf, weibliches Geschlecht und der Wunsch anderen zu helfen, Uniabschluss und persönlicher Bedarf, > 34 Jahre und die Freude an der Innovationstätigkeit.

90% der Konsumenten innovieren ausschließlich allein. Von denjenigen Nutzerinnovatoren, die mit anderen zusammenarbeiten, nehmen doppelt so viele bei der Produkterschaffung Unterstützung von anderen in Anspruch als bei der Modifizierung.

33% der Nutzerinnovatoren teilen Informationen über ihre Innovationen mit anderen Konsumenten und/oder Unternehmen. Sofern es Nutzerinnovatoren bekannt war, werden 17% der Innovationen von anderen verwendet. 4% teilen Informationen mit anderen Konsumenten oder Unternehmen und erhalten dafür eine Kompensation. 2% der Nutzerinnovationen werden patentiert.

Bei 86% der Nutzerinnovationen handelt es sich um physische Güter, bei 14% um Software. Die Aufteilung der Nutzerinnovation nach Kategorien:

Werkzeuge 23%
Sport & Hobby 20%
Haushalt 16%
Gartenarbeit 11%
Kinder & Erziehung 10%
Autos 8%
Haustiere 3%
Medizin 2%
Sonstige 7%

Einige konkrete Beispiele für Nutzerinnovationen, die die Befragten angaben:

Due to the weather, I wanted my washing machine to spin only. I modified it by changing the way the timer worked to give a spin-only option. I bridged one of the circuits and inserted a switch.

I developed an alternative type of starter motor to get my automobile engine to start in the event of faulty battery.


My dog was having trouble eating. I used a flat piece of laminated wood and put an edge around it like a tray to stop her bowl from moving around the kitchen. It is a successful innovation.

I reprogrammed a GPS to make it more user friendly and efficient. It is different from what is out there because it is tailored to me.

Diese Beispiele machen deutlich, dass die Anforderungen, die ein Unternehmen an ein Produkt stellt, andere sind als die, die ein Konsument mit seiner Innovation erfüllen möchte. Nutzerinnovatoren legen eher geringen Wert auf kommerzielles Design, Robustheit, Sicherheit oder Haltbarkeit. Im Gegensatz dazu sind diese Eigenschaften kritische Erfolgsfaktoren für Produktinnovationen eines Unternehmens.

Nutzerinnovationen unterscheiden sich von den Innovationen eines Unternehmens im zugrunde liegenden Bedarf. Eine Nutzerinnovation entsteht aufgrund eines individuellen Bedarfs und ganz unabhängig davon, ob andere Konsumenten diesen Bedarf teilen. Hingegen entsteht eine Innovation in einem Unternehmen nur dann, wenn der gleiche Bedarf von vielen Nutzer geteilt wird.

Für die Autoren der Studie steht fest, dass Nutzerinnovationen und Unternehmensinnovationen Komplemente sind. Als Komplemente stellen Nutzerinnovationen wertvollen Input für den Innovationsprozess in Unternehmen dar. Sie vermitteln belastbare Bedarfsinformationen und liefern Prototypen und Gebrauchstests.

Soviel zu den Ergebnissen der Studie.

Zahlen sind die eine Seite. Wirklich entscheidend sind Ergebnisse über die Qualität der Innovation, vielmehr als über die Quantität. In welchem Verhältnis Konsumenten- und Unternehmensinnovationen tatsächlich stehen, kann nur geklärt werden, wenn Aussagen über die Marktreife der Innovation als Produkt getroffen werden. Vermutlich kommen zahlreiche Nutzerinnovationen nicht über das Stadium von Prototypen hinaus, die sich in den unternehmerischen Innovationsprozess als Rudiment integrieren lassen. Handelt es sich bei den Innovationen jedoch um digitale Güter (Software hat einen Anteil von 14% unter den Konsumenteninnovationen), bezweifele ich, dass diese Konsumenteninnovationen ohne weiteres als Komplemente klassifiziert werden können. Nutzerinnovation ist nicht gleich Nutzerinnovation.

Bei durchschnittlich 8 Innovationen in drei Jahren und einem Konsumentenanteil von 6,2% steht ein enormes Innovationspotential zur Verfügung, von dem Unternehmen profitieren können. Ein Informationsaustausch mit Konsumenteninnovatoren ist für Unternehmen erstrebenswert. Wie die Studie aber zeigt, erhalten lediglich 4% der Konsumenteninnovatoren für ihre Innovationen eine Kompensation von anderen Konsumenten und/oder Unternehmen. Dass weniger als 4% der Nutzerinnovationen von Unternehmen eine Kompensation erhalten, spricht nicht für einen regen und fruchtbaren Informationsaustausch zwischen Konsumenten und Unternehmen. Leider bleibt offen, wie hoch der Anteil der von Unternehmen kompensierten Innovationen tatsächlich ist. Darüber hinaus drängt sich die Frage auf, wie viele Konsumenteninnovationen von Unternehmen absorbiert, aber nicht kompensiert werden.

Um einen offenen Informationsaustausch zwischen Konsumenteninnovatoren und Unternehmen zu fördern, müssen Faktoren auf beiden Seiten berücksichtigt werden. Aufgeschlossenheit, Offenheit sowie der vertrauensvolle und faire Umgang mit Kunden sind Unternehmenseigenschaften, die für den Konsumenten wahrnehmbar sein sollten. Motivation und das Vertrauen in ein Unternehmen spielen seitens des Konsumenten eine große Rolle.
Wünschenswert sind also weitere Forschungsergebnisse, die Erkenntnisse liefern, weshalb der Informationsaustausch zwischen Nutzerinnovatoren und Unternehmen so verhalten stattfindet.

Bildnachweis: victoriapeckham